Waldrand, eine ökologische Chance?

Unter diesem Titel hat kürzlich die Umweltgruppe Hindelbank zu einer Waldbegehung eingeladen. Zahlreiche Teilnehmer erfuhren von kompetenter Seite, wie wichtig gerade heute ein intaktes Oeko-System für Mensch und Tier ist und dass jedermann sehr wohl seinen Beitrag zum Naturschutz leisten kann. Dazu bracht es jedoch Instruktion von Fachleuten und damit Einsicht jedes Einzelnen. Verständnis für eine gewisse "Unordnung im Wald" tut not.


Revierförster Peter Widmer bei der Begrüssung.
Im Hintergrund Revierförster Ernst Rohrbach mit Gattin.


Rund ein Drittel der Berner Kantonsfläche ist Waldgebiet, davon verteilt sich knapp die Hälfte auf 35'000 private Waldeigentümer, der Rest gehört Burgergemeinden, dem Bund oder Kanton, so die Ausführungen von Peter Widmer, Rütschelen. Widmer ist wie der auch anwesende Ernst Rohrbach, als Revierförster in der Waldabteilung 6 Burgdorf-Oberaargau tätig. Das übergeordnete Amt für Wald des Kantons Bern hat die Aufsicht über die Wälder und sorgt für die Gesunderhaltung des Forstes und die öffentlichen Interessen dafür sicherzustellen. Die Wälder in unserer Umgebung gehören zu den vorratsreichsten und produktivsten Standorten im Kanton, überdies sind sie bedeutungsvolle Naherholungsräume für die Bevölkerung. Grund genug, dazu Sorge zu tragen, dies im Verantwortungsbereich aller, betonte Ernst Rohrbach. Mehr als 1000 Kilometer Waldränder hat der Oberaargau. Vielerorts prallten aber Interessen der Oekologie (Schutz) und Oekonomie (Nutzung) aufeinander, stellte Martin Bachmann von der Umweltgruppe Hindelbank fest.
Es gebe kein Entweder/Oder. Beide Anliegen hätten ihre Berechtigung. Nur ein ständiger Dialog beider Interessenrichtungen brächten den gewünschten Erfolg, nämlich Profit aus der Waldnutzung und zugleich Schutz eines anspruchsvollen Oeko-Systems.

Wertvolles im Schmuck-kästchen:
Hohle Brommbeerstängel, ein Verweilort für Larven.

Es lohne sich, Kleinstrukturen im Wald zu beachten, so Bachmann. In den abgestorbenen, unansehnlichen Stängeln von Brombeeren oder Adlerfarn überwintern Insektenlarven, die dann Futter für zahlreiche Vogelarten abgeben. Die oft geschmähte Brennnessel ist Futterpflanze für Raupen diverser Schmetterlingsarten: Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Landkärtlein, u.a. Behaarte Raupen wiederum bedeuten Hauptnahrung des Kuckucks. Dessen legendärer Ruf ist in unseren Wäldern selten geworden.

Ein ökologisch sinnvoller Waldrand bestehe in einer Tiefe von zirka zwanzig Metern aus Krautsaum, Strauchgürtel und Hochstämmen. So sei ein solcher Waldrand in der Lage, "Luftangriffen" durch Sturmwinde besser standzuhalten und eine Schutzfunktion zu übernehmen.

Moder als Dünger, Pilze beschleunigen den Holzzerfall.

Wir müssten von unserer Ordnungsliebe etwas abrücken, meinte Martin Bachmann, und einer "gesunden Unordnung" Raum geben. Faulholz, Asthaufen, Altholz, bemooste Baumstrünke und Ameisenhaufen belebten buchstäblich jeden Wald. Erst das tote Holz beginne wirklich zu leben, ergänzte Förster Widmer.
Je mehr Totholz im Wald, desto grösser der Artenreichtum an Kleinlebewesen.
Es sei zu bedenken, dass allein in der Schweiz zirka 7000 Käferarten lebten und viele davon seien auf morsches Holz zum Ueberleben angewiesen. Oft werde auch im Kampf gegen den Borkenkäfer falsch vorgegangen.
Der "Buchdrucker"lebe bloss im Stammteil lebendiger Bäume, also sei es Unsinn, die Aeste befallener Bäume zu verbrennen, wohl aber die zerfressene Stammrinde. Die vielerorts heute "vergessenen" Asthaufen böten Schutz für Insekten, Feldhasen, Igel, Kröten und Frösche.

Eulenkasten: Unterschlupf für Waldkauz, Star, Eichhörnchen, Marder und Hohltaube.

Oft stossen die modernen Holzfäll-Maschinen, die sogenannten "Vollernter"
bei Naturschützern auf Ablehnung. Nach Einsatz dieser Ungetüme sehen Waldgebiete dann "abgegrast" und "gerupft" aus. Hier seien jedoch Masshalten, Umsicht und überlegtes Handeln bei der Holzgewinnung massgebend, betonte Förster Rohrbach. In den entstandenen Schneisen könne willkommener Lichteinfall den dichten Pflanzen-Neuwuchs begünstigen. Was oft fürchterlich aussehe, wäre nachher in kurzer Zeit ein ökologisch wertvoller Wald. Dabei sei bestimmt grossflächigem Kahlschlag keineswegs zuzustimmen.

Häufig werde auch nicht verstanden, so Rohrbach, dass grosse, völlig gesunde Böume zum Fällen bezeichnet würden. Das komme etwa vor, wenn eine rasch wachsende Douglas-Tanne (Import aus Amerika) einer langsam wachsenden Eiche, die schliesslich hier beheimatet ist, Licht und Raum wegnehme. Auch könne - Nutzen von Totholz hin oder her - nicht jeder abgestandene Baum stehen gelassen werden. Der Waldbesitzer haftet für Unfälle, wenn Aeste auf begangene Waldwege stürzen.

Selbst im behauenen Holz haben sich Kleinlebewesen eingenistet. (Holzbär bei Feuerstelle Hasenschlupf, Obermoos, Hindelbank.)

Eine Idee der Umweltgruppe fand allgemeine Zustimmung: Die Oeffentlichkeit könnte Patenschaften für schützenswerte Bäume, z.B. Eichen, übernehmen oder sie als Besitz erwerben. Somit wäre ein Altbaumbestand für die Zukunft gesichert.

Oft herrsche auch die Meinung vor, mit einer Deponie von Gartenabfällen oder Zierpflanzen sei dem Waldboden gedient, Das sei falsch, vernahmen die Anwesenden. Zierpflanzen stören das natürliche Gleichgewicht der Waldbodenbedeckung. Nicht umsonst organisieren heute die meisten Gemeinden eine periodische Grünabfuhr.

Wie der Ko-Präsident der Umweltgruppe Hindelbank, Hermann Arni, zum Schluss ausführte, sei der gegenwärtige Wald noch unternutzt. Es zeichne sich jedoch ein Nutzungsboom ab, nicht zuletzt wegen der aufkommenden Pellet (=Pressstäbchen)-Heizungen.